Gerald Reischl

11. September 2009 – Interview mit einem Evangelisten - Guy Kawasaki sucht ein neues Google

Wenn unzählige Fans auf der ganzen Welt neue Apple-Produkte wie Popstars abfeiern, dann ist das zum Teil die Schuld von Guy Kawasaki. Der heute 55-jährige Hightech-Guru aus San Francisco verwandelte bereits in den Achtzigern Apple-Kunden mit gezielten Aktionen in ergebene Jünger der Firma. Heute steckt Kawasaki über sein Unternehmen “Garage Technology Ventures” Geld in die Internet-Ideen junger Start-up-Firmen. Im Vorfeld der Veranstaltung “NET-WORK” der Wirtschaftskammer Österreich konnte ich mit ihm ein Interview führen (danke an Businesskitchen.at), das im KURIER erschienen ist. Hier die ungekürzte Version.
Meine persönliche Conclusio steht am Ende des Interviews.

Gerald Reischl: Sie sind einer der wichtigsten Technik-Blogger der Welt und nutzen den Online-Dienst Twitter. Wie viele Ihrer 170.000 Leser kennen Sie persönlich?
Guy Kawasaki: Ich schätze 50.

Sie selbst folgen 160.000 - Sie können doch nie alle Tweets lesen?
Macht da Twitter noch Sinn?

Ich folge jedem, der mir folgt, aus Höflichkeit. Ich lese
aber Tweets nicht, ich antworte nur auf Fragen, die man mir schickt.

Habe ich gestern gemacht, Sie haben nicht geantwortet.

Wohl übersehen.

Während unseres Interviews werden, wie ich sehe, weitere Tweets
abgesetzt. Sie twittern nicht selbst?

Die Tweets setzen sich aus Meldungen aus RSS-Feeds zusammen, die
automatisiert zu Tweets werden, das sind neue Nachrichten von meinem
Portal Alltop. Dann habe ich ein Team aus drei Leuten, die für mich
twittern. Aber die kennzeichnen diese Nachrichten entweder mit AC, GR
oder NC.

Mark Zuckerberg hat kürzlich damit gebrüstet, dass Facebook mehr
“Einwohner” habe als Europa. Könnte es einmal Staaten im Web geben,
mit virtuellen Landesgrenzen?

Zuckerberg hat das gesagt? Wenn er Mitglieder hätte, die für sein
Service bezahlen, wäre das ein interessanter Ansatz, aber so? Nein, es
wird keine virtuellen Staaten geben.

Wenn man sich das Web anschaut, gibt es vor allem Portale, die in den
USA entstanden sind. Europäische sind Mangelware. Europa hat
offensichtlich keine IT-Identität.

Offensichtlich gehen alle, die in ihrem Heimatland nicht erfolgreich
sind, in die USA. Scherz. Nein, im Ernst. Viele glauben, US-Ideen
kopieren zu müssen, und das ist falsch. Außerdem ist es offensichtlich
in Europa so, dass jemand, der einen Misserfolg eingefahren hat,
stigmatisiert ist und als Verlierer gilt. Und das vier Jahrhunderte
lang. Uns interessieren Familienhistorien oder Namen, ob Habsburg oder
sonst wer, nicht, es geht um die Idee. Auch ich hatte schon einige Male mit
Startups einen Misserfolg eingefahren. Aber wer innovativ ist, erleidet
manchmal auch einen “Bauchfleck” (frei übersetzt, Anm.)

Derzeit ist Google an der Macht. Wird Google immer das Internet
dominieren?

Nein, nichts ist für ewig. Wo ist Lotus heute? IBM? Es wird irgendwann
einmal ein anderes Google geben. Ich bin derzeit auf der Suche nach
diesem neuen Google.

Wird Microsoft wieder die Top-Firma im IT-Business?

Microsoft darf man nicht abschreiben, Microsoft ist eine Top-Firma, von
ihnen kommt das erfolgreichste Betriebssystem, Microsoft ist nicht so
schlecht, wie manche glauben. Außerdem ist ihnen mit Bing eine
exzellente Suchmaschine geglückt, die wirklich sehr gut funktioniert.
Ich frage mich ehrlich, warum sie mit Yahoo! kooperieren.

Werden alle regionalen sozialen Netzwerke in einen weltweiten Verbund
einfließen?

Ich denke schon, weil es egal ist, wo sich die Person befindet.

Nutzen Sie Facebook?

Nicht wirklich, für mich ist Twitter die perfekte Plattform, um meine
Alltop-Plattform erfolgreich zu machen, das ist mein Ziel. Twitter ist
ein gutes Marketing-Tool.

Was würden Sie einem jungen Start-up empfehlen, um erfolgreich zu sein,
um Geldgeber zu finden?

Einen Prototyp bauen. Früher einmal war es so, dass man mit einer
Powerpoint-Präsentation, einer Projektbeschreibung und einem
Business-Plan zu einem Geldgeber gekommen ist, erst dann hat man mit
zwei Millionen Budget den Prototyp gebaut. Heute ist es umgekehrt. Das
Service muss im Ansatz fertig sein. Es ist ja alles kostenlos im Web,
alles Open Source, ob Twitter, Facebook oder MySpace, alle bestehen aus
Teilen, die man gratis bekommt.

Sie werden ja mit vielen Ideen konfrontiert, Ihr Garage Technology
Ventures investiert ja in gute Ideen. Wie viele werden bei Ihnen
vorstellig?

Früher waren es tausende pro Monat, heute sind es 2 bis 3 am Tag. Aber
99,9 Prozent der Ideen sind nicht smart.

Aber es ist nicht einfach zu entscheiden, ob etwas smart ist oder
nicht, das weiß man im Voraus ja nicht.

Stimmt, Google war auch die siebente Suchmaschine damals, und dass
YouTube mit einem Video, auf dem man sieht, wie jemand ein Mentos in
eine Flasche Coke light wirft, so abhebt, hätte sich auch keiner
gedacht.

In wie viele Projekte investieren Sie?

In vier bis fünf Projekten pro Jahr, immer zwischen 250.000 und 500.000
Dollar. In 16 Projekte haben wir uns bis dato beteiligt.

Wie viele davon sind erfolgreich?

Etwa ein Drittel davon.

In Ihrem - mittlerweile neunten - Buch schreiben Sie über “Die zehn
größten Lügen von Entrepreneurs (Unternehmer)” - was ist die
größte?

Die größte ist, dass die Finanzprognosen immer 100 Mal zu hoch
angesetzt sind. Im Businessplan wird - konservativ berechnet - von
einem Umsatz 500 Millionen Dollar nach fünf Jahren gesprochen. Wenn man
sich die Firma in fünf Jahren anschaut, ist sie entweder nicht mehr
existent oder hat nur 5 Millionen Umsatz.

Webdienste sind vor allem aus den USA, fallen Ihnen europäische bzw.
österreichische Web 2.0-Plattformen ein?

Jajah, die berate ich auch, und Popurls. Letzteres Portal war meine
Inspiration für Alltop.

Sonst keines? Nie etwas von 123people, Tupalo oder Soup.io gehört?

Nein, sagt mir nichts.

Im Web hat sich die “Alles-ist-gratis-Mentalität” durchgesetzt. Wie
kann man im Web Geld verdienen? Denken wir an Twitter oder Facebook.

Also wenn Facebook nicht mehr kostenlos wäre, würden die Nutzer
abziehen. Anders Twitter, Twitter hat großes Potenzial, ich würde ein
Text-Message-Service integrieren. 100 Nachrichten sind kostenlos,
Nachrichten darüber hinaus würden vergebührt.

Das ist eine Variante, eine andere?

Im Web Geld mit Werbung zu verdienen, ist schwer, da braucht man 20 bis
30 Millionen Page-Impressions pro Monat. Aber man kann digitale Güter
vertreiben. Digitale Schuhe für Spiele, oder digitale Rosen. Man kann
Menschen im Web mit digitalen Rosen beschenken und wenn er viele hat,
weiß er, dass er beliebt ist.

Ich, bzw. die meisten Menschen würden sich über echte Rosen wohl mehr
freuen.

Das war ein Beispiel, es geht im Prinzip darum, zahlenden Nutzern mehr
Funktionalität zur Verfügung zu stellen, mehr Features.

Sie waren früher bei Apple und waren ein so genannter Apple-Evangelist,
aus Kunden sollten Missionare werden. Bei Apple ist es gelungen,
Apple-Nutzer sind Fans, manchmal sogar fanatisch, das gelingt bislang
keinem Unternehmen, oder doch?

Virgin.

Wie Virgin? Sie meinen Richard Bransons Unternehmen?

Ja.

Der wäre mir nie und nimmer in den Sinn gekommen.

CONCLUSIO:

Guy Kawasaki kocht auch nur mit Wasser. In meiner journalistischen Laufbahn habe ich bereits mehrere “digitale Apostel”, “Evangelisten” etc. interviewen können - Nicholas Negroponte, Esther Dyson zum Beispiel und nun auch Guy Kawasaki. Er ist ein gescheiter Mann, allerdings ist er Amerikaner und versteht es, sich gut zu verkaufen. Meiner Meinung nach gibt es auch in Europa eine Vielzahl von Experten, die wohl genauso viel wissen, wie ein Herr Negroponte oder Herr Kawasaki, allerdings nicht so anerkannt sind, wie die IT-Evangelisten aus dem Silicon Valley. Der Prophet aus dem eigenen Land….

Seine Tipps sind für jene, die sich intensiv mit dem Web beschäftigen und die Entwicklung beobachten nichts Neues. Gut verpackt, rethorisch gut präsentiert, lösen sie bei vielen eine Faszination aus, unreflektiert werden seine Aussagen übernommen und als das Um und Auf angesehen. Allein die Tatsache, dass er das Kommunikationsmedium Twitter als Marketing-Instrument missbraucht, von drei Mitarbeitern twittern lässt und nur sporadisch auf Fragen reagiert, sagt viel aus. Ich habe mir mein Bild gemacht und folge ihm ab sofort nicht mehr auf Twitter…denn eigentlich nutzt er Twitter als Spam-Verteilungsmaschinerie…

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