Gerald Reischl

6. Oktober 2009 – Technischer Fortschritt versus Datenschutz

Im Rahmen der Feier “30 Jahre Datenschutzrat” durfte ich gestern im Parlament ein Kurzreferat mit dem Titel “Technischer Fortschritt versus Datenschutz” halten. Anbei mein kurzer Vortrag, über dessen Themen dann in der anschließenden Podiumsdiskussion teilweise auch weiter diskutiert wurde. Eine Kurzzusammenfassung der Veranstaltung gibt es auch auf der ORF-Futurezone.

Technischer Fortschritt versus Datenschutz

Ich befasse mich seit nunmehr elf Jahren intensiver mit den Themen Datenschutz, Privatsphäre im Zusammenhang mit technischen Entwicklungen – seit meinem Erstlingswerk als Buchautor “Im Visier der Datenjäger”, das hier im Parlament 1998 heftig diskutiert wurde und parlamentarische Anfragen ausgelöst hat. Ging es damals vor allem um Handy-Überwachung, Kundenkarten, staatliche Datensammlungen, so lässt mich seit meinem vorletzten Buch „Die Googlefalle“ vor allem das Thema Internet und Google nicht mehr los. Ich muss wieder fest halten, ich bin kein Google-Feind, sondern habe nur ein Geschäftsmodell und Geschäftspraktiken analysiert und Schlussfolgerungen abgeleitet.

Das ist auch meine Aufgabe als unabhängiger Journalist und Buchautor.

Ich will dazu beitragen, den Menschen die Kontrolle über das Internet zurückzugeben, indem ein Bewusstsein geschaffen wird. Und ich will dazu beitragen, dass andere, nämlich Google & Co. ihre geheimen Kontrollen beenden bzw. veröffentlichen müssen, warum welche Daten warum gesammelt. werden Davon sind wir aber meilenweit entfernt. – Die Situation ist dramatisch.

3 Punkte möchte ich in meinem Kurzreferat ansprechen.

1. Das Datenstriptease-Phänomen

“Connecten wir uns?” ist einer der Slogans der Gegenwart. Die sozialen Netzwerke des Mitmach-Web 2.0 boomen. im Vergleich zu 2008 hat sich die Nutzung von Facebook, StudiVZ oder Xing heuer mehr als verdoppelt. Jeder dritte Österreicher tummelt sich auch auf einer Networking-Plattform herum. Insgesamt gibt es in Österreich bereits eine Million Facebook-Nutzer, und die stellen private Informationen auf die Plattform. In der Generation der 14- bis 29-Jährigen hat bereits jeder Zweite eine virtuelle Identität angelegt.

Einer aktuellen Umfrage des deutschen Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) zufolge, lassen zwei von drei Personalchefs ihre Bewerber googlen, 36 Prozent von ihnen versuchen, in sozialen Netzwerken wie Facebook und Xing Persönliches über ihre Bewerber zu erfahren. Großunternehmen recherchieren übrigens häufiger online als kleinere Firmen: Fast jeder zweite Personalchef (46 Prozent) findet „lustige“ Urlaubs- und Partyfotos gar nicht amüsant, auch von Kommentaren über den eigenen Arbeitsplatz sollte man absehen, drei von vier Personalchefs (76 Prozent) finden es inakzeptabel, wenn Angestellte abfällig über ihren Job reden.

In den Portalen verbergen sich aber noch andere Gefahren: Es gibt eine Reihe von technischen Lücken, die den unerlaubten Zugriff auf diese Informationen ermöglichen, hat das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) festgestellt. Von März bis August 2008 wurden populäre Web-2.0-Plattformen einem “Black-Box-Test” unterzogen. Die Tester sind in die Rolle normaler Web-Nutzer geschlüpft und haben sich auf fünf Privat-Portalen Myspace, Facebook, studiVZ, wer-kennt-wen und lokalisten sowie auf den Business-Netzwerken Xing und LinkedIn herumgetrieben. Ihre Conclusio: “Soziale Netzwerk-Portale gefährden die Privatsphäre”. Hauptproblem ist, dass sich die Daten oft auch außerhalb der Plattform finden lassen - ob Adressen, religiöse Orientierung, Bilder, die man eigentlich in einem geschützten Bereich abgelegt hat oder Foren- und Gästebucheinträge. Ein Problem der sozialen Netzwerke ist nämlich, dass die User freiwillig intimste Daten über sich preis geben – es werden private Daten (Gesundheitszustand, Alkoholkonsum etc.) ins Netz gestellt, ohne die Folgen zu bedenken.

2. Das Google-Phänomen

Daten freiwillig ins Netz zu stellen, ist ein Phänomen, das zweite ist, dass Unternehmen ohne unser Wissen Daten sammeln. Wir wissen nicht, was diese privaten, börsennotierten, Unternehmen, Weltkonzerne mit diesen Informationen machen. Deshalb nenne ich das zweite Phänomen auch Google-Phänomen…

Während wir das Datensammeln von staatlichen Stellen diskutieren, sammeln gewisse Private hemmungslos, ja unbehelligt würde ich sagen, allerlei Informationen: Alter, Geschlecht, Interessen, Krankheiten, Freundeskreis, Netzwerkbeziehungen, E-Mail, Dokumente. Und verknüpfen diese Informationen. Für Marketing und Sonstiges.

→ Den wenigsten ist bekannt, dass 80 Prozent der 300.000 Webseiten das Webanalyse-Tool Google Analytics integriert haben, das ohne Wissen des Website-Besuchers nicht nur Infos über ihn sammelt, sondern sie auch noch mit anderen im Google-System gespeicherten Informationen kombiniert und User-Profile anreichert.

→ Den wenigsten Nutzern von Google-Mail (G-Mail) ist bekannt (obwohl sie es beim Unterschreiben der Nutzungsbedingungen, die nie gelesen werden, akzeptieren), dass Google den Inhalt jedes Mails scannt und die passende Werbung zum Inhalt des Mails platziert.

→ Die wenigsten wissen, dass Google Miteigentümer der größten, privaten DNA-Analyse-Plattform 23andMe ist, auf der Web-Nutzer auf der ganzen Welt ihr genetisches Profil ordern und auf einer Webseite einsehen können.

→ Den wenigsten ist bekannt, dass Google die IP-Adresse eines Besuchers speichert und auswertet. Nur so ist das Ergebnis einer Umfrage zu erklären, die das Institut Marketagent.com für mein Buch durchgeführt hat: Drei Viertel der Nutzer wären laut Marketagent.com-Befragung nämlich nicht einverstanden damit, dass Google über die IP-Adresse des Computers jede vergangene Suche zuordnen könnte – auch wenn diese Informationen zur Optimierung der Suchergebnisse beitragen würden. 44,5 Prozent der Befragten wurde die Datensammelleidenschaft »stark stören«, 28,4 Prozent wurde sie »eher stören«. Nur jeder Zehnte ist der Sammelwut gegenüber gleichgültig eingestellt.

→ Ich möchte Ihnen ein Ergebnis nicht vorenthalten, das zeigt, wie sehr der Suchmaschinen-Konzern schon in die Köpfe der User vorgedrungen ist. Auf die Frage ” Stellen Sie sich vor, dass Google einige Tage nicht aufrufbar wäre. Welche Alternative wurden Sie stattdessen wählen, um nach Informationen zu suchen? Jeder siebente Internet-Nutzer hätte »keine Ahnung«, in welche alternative Suchmaschine er seine Fragen tippen könnte.

Amüsant bzw. erschreckend ist folgendes Ergebnis: 4,3 Prozent gaben in der Umfrage sogar an, so lange zu warten, bis Google wieder abrufbar ist.

Googles Prinzip lautet: Alles gratis. Doch nichts ist gratis, wir bezahlen mit unserer Privatsphäre. Wir wissen nicht, was mit unseren Daten, die auch oder vor allem auf Servern in den USA gespeichert sind, wirklich passiert. Wir haben keine Kontrolle mehr darüber. Ich will kein Schwarzmaler sein, aber bald wird die Macht von einzelnen Staaten gar nicht mehr ausreichen, um diesen Praktiken Einhalt zu gebieten. Google und bald auch Facebook werden zu viel Macht angehäuft haben. Erst kürzlich hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gebrüstet, dass sein Netzwerk mehr Einwohner als die USA habe….(300 Millionen im übrigen).

3. Das Zuschau-Phänomen

Wir sind in Gefahr, da die politischen Entscheidungsträger zuschauen, weil sie die Gefahr noch nicht erkannt haben oder nicht erkennen wollen. Sie glauben jenen, die im Auftrag dieser Firmen die Gefahr verschleiern und nur die positiven Seiten promoten. Sie glauben etwa den Google-Lobbyisten, die durch die europäischen Lande ziehen und scheinbar glaubhaft versichern, wie gut ihre Produkte für die Gesellschaft sind. Das offizielle Ziel des Defacto-Monopolisten wie Google ist, sämtliche Informationen der Welt zu ordnen und sie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Das wahre Ziel ist, alles, was sich im Internet abspielt, zu kontrollieren, nicht nur Informationen und Services selbst, sondern auch den Nutzer – und den kann man nur dann kontrollieren und überwachen, wenn man alles über ihn weiß. Für Unternehmen wie Google oder Facebok spielt Datenschutz eine, wenn überhaupt, untergeordnete Rolle.

Unternehmen wie Google haben bereits heute die Macht, Information zu kontrollieren und damit auch Freiheit einzuschränken. Ich glaube daher, dass wir auch über die politische Dimension des Handelns von Privatunternehmen im Internet, also die Verantwortung der privaten Akteure im Internet (=öffentlicher Raum), sprechen müssen.

→ Daher fordere ich mehr Aufklärung in Schulen, die Politik muss in Bereich noch viel mehr Verantwortung übernehmen mit Unterricht an Schulen und Bewusstseinsbildung fördern – wie etwa Datenschutz-Unterricht und/oder Google- Facebook-Projekte an Schulen. Aber auch in der Politik selbst ist Aufklärung wichtig, denn oft erscheint es mir – Stichwort Google Streetview –, dass nicht einmal Entscheidungsträger wissen, wie der Datenschutz-Hase läuft. Jeder Internet-Nutzer sollte wissen, was mit seinen Daten passieren kann, wenn er sie, wie bei den sozialen Netzwerken üblich, freiwillig bekannt gibt. Und er muss wissen, wie Firmen agieren, die ohne unser Wissen Daten sammeln.

Ich möchte mein Kurzreferat aber nicht negativ schließen, sondern hoffnungsvoll. Ich hoffe, dass das Datenschutzbewusstsein in der Bevölkerung wieder so stark ist, dass nur Firmen, für die Datenschutz ein Thema ist, punkten und dass Datenjäger bald zu den Verlierern im Web gehören.

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